Ayurveda ist die alte indische Heilkunst, „das Wissen vom Leben“. Es (die Fachleute sprechen von ihr, also der Ayurveda) ist über den gesamten indischen Subkontinent verbreitet, in Indien, Nepal, Sri Lanka, und hat die muslimische Unani-Medizin und das chinesische und tibetische Medizinsystem beeinflusst. Das System ist sehr alt – aber auf keinen Fall ein Hokuspokus! Vor allem geht es nicht nur um ein bisschen Wellness; das ist eine absolute Verflachung (wobei die Massagen durchaus sehr angenehm sein können). Viel Wissen ist durch die islamischen und britischen Eroberungen im Lauf der Zeit verlorengegangen, zum Beispiel das Wissen zur Chirurgie. So soll es schon vor 2.000 Jahren erfolgreiche Gehirnoperationen gegeben haben; die Bücher zur Chirurgie, und einige andere auch, sind aber verloren gegangen.
Ich versuche mal, kurz und knapp ein paar Grundprinzipien aufzuzeigen.
Man spricht von drei „Doshas“, was man in etwa als Lebensenergien interpretieren könnte. Diese liegen bei jedem Menschen in einer einzigartigen Mischung vor; der Konstitution, mit der wir geboren sind. Nun kann es durch alle möglichen Einflüsse (Ernährung, Umwelt, Lebensstil, ja selbst Denkmuster) geschehen, dass die individuelle Mischung aus der Balance gerät. Eines, oder auch zwei dieser Doshas nehmen überhand, das ganze Körper-Geist-System gerät aus der Balance, und das äußert sich erst als Ungleichgewicht, und irgendwann als körperliche und/oder geistige Erkrankung. Außerdem kann es passieren, dass sich im Körper „Schlacken“ ansammeln; auch diese können ursächlich oder verstärkend für Erkrankungen sein.
Nun zucken viele Menschen, gerade schulmedizinisch geprägte, innerlich zusammen, wenn sie von „Schlacken“ hören. Aber nun, Cholesterinablagerungen in den Adern, Harnsäure in den Gelenken, ja selbst Verstopfungen sind auch bereits „Schlacken“.
Jedenfalls führt die Disbalance der Doshas und/oder das Überhandnehmen der Schlackenstoffe („Ama“) zur Erkrankung, und zwar in sechs Phasen. In den ersten vier Phasen der Krankheitsentstehung werden die Doshas „unbändig“ – sie nehmen überhand, sie wandern durch den Körper, sie suchen sich Schwachstellen. Das sind die ersten vier Phasen, und außer Symptomen, die jeder mal hat (Kopfschmerzen, Müdigkeit…) ist nichts ernsthaftes zu bemerken. Doch dann, in der fünften Phase – Zack! – ist „plötzlich“ die Krankheit da. Die sechste Phase ist dann die Verschlimmerung, oder Begleiterkrankungen, bis hin zum Tod.
Die Kunst des ayurvedischen Arztes ist es, die Krankheit schon während der Entstehung, d.h. während der ersten vier Phasen, festzustellen. Dazu bedient sich der Arzt einer Vielzahl von Diagnosemethoden; er beobachtet Gang, Mimik, Gestik, Körperhaltung, Färbungen der Haut, Menge, Konsistenz und Geruch von Urin und Stuhlgang, die Zungendiagnose, und, wohl am bekanntesten, die Pulsdiagnose. Und manchmal kommen dann Diagnosen zustande wie: „Da ist ein Problem an der Lunge, innerhalb des nächsten halben Jahres dürfte die Erkrankung ausbrechen.“
Therapeutisch werden dann Medikamente verordnet, und Massagen, Kälte und Hitze, Bäder,…vor allem aber legt man oft Wert auf eine umfassende „Entschlackung“ bzw. Entgiftung. Wenn man bedenkt, was man oft im Laufe des Lebens in sich aufnimmt…zu viele tierische Fette, generell zu viel Nahrung, Zigarettenrauch und andere Gifte, Alkohol, Drogen, ungesunde Süchte, Gewohnheiten und Verhaltensmuster…es gibt da die berühmten „Panchakarma“-Kuren, und die haben größtenteils nichts mit Wellness zu tun. „Pancha“ steht für „fünf“ und „Karma“ für „Handlungen“, also fünf therapeutische Entschlackungspraktiken:
- therapeutisches Erbrechen
- Abführkur
- Einläufe
- Entgiftung über die Nase
- Aderlass
Das ganze wird von einer auf den Patienten angepassten Diät, Massagen, ggf. Meditationen, Yogaübungen oder anderen Praktiken begleitet. Solch eine Kur dauert üblicherweise wenigstens drei Wochen; im Westen werden manchmal auch Kurzversionen von z.B. 9 Tagen angeboten.
Es gibt erfolgreiche Kooperationen zwischen Schulmedizinern und ayurvedisch ausgebildeten Ärzten, z.B. an der Charité in Berlin. So konnte beispielsweise gezeigt werden, dass bei bestimmten Arten von Knieerkrankungen die Ayurveda dieselben Erfolge wie die Schulmedizin leistet – bei wesentlich geringeren Kosten und Nebenwirkungen. Da das hier keine wissenschaftliche Arbeit sein soll (und ich vielleicht schon viel zu viel geschrieben habe) verzichte ich auf die entsprechenden Links und Belege. Der geneigte Leser wird es mir nachsehen.
Ich selber habe im Jahr 2002 als einer der ersten deutschlandweit eine Ayurvedaausbildung absolviert; ich hatte später aber das Gefühl, die Fülle des noch zu Lernenden erschlägt mich, und habe es links liegenlassen. Allerdings beherrsche ich noch ein paar, sehr angenehme, Ölmassagen („Abhyanga“) und die Grundprinzipien. Und deren praktische Nützlichkeit zeigt sich auch im Alltag.